Baugeschichte der ehemaligen alt-katholischen Christuskirche, Witten

Körnerstraße 19

Mit der Erklärung der Unfehlbarkeit des Papstes durch das 1. Vaticanum am 18. Juli 1870, kam es zur Abspaltung und Gründung der Altkatholiken.

Am 12. Juni 1871 wurde der alt-katholische Verein in Witten gegründet, dem gleich 53 Mitglieder beitraten. Am 28. November 1873 richtete dieser Verein das Gesuch an den Bischof Dr. Joseph Hubert Reinkens (* 1821 † 1896), es möchten die hiesigen Mitglieder des alt-katholischen Vereins als selbständige Gemeinde anerkannt werden. Der Antrag wurde am 30. Oktober 1874 genehmigt. Die Regierungsgenehmigung folgte drei Monate später, am 05. Januar 1874. Die Mitgliederzahl nahm Anfangs zu. Am 03. Februar 1875 zählte die Gemeinde 106 Mitglieder mit 300 Seelen. Der erste alt-katholische Gottesdienst fand am 12. Oktober 1873 in der ev. Johanniskirche mit Pfarrer Gustav Hoffmann aus Essen statt.

1874 taten sich die alt-katholischen Gemeinden Witten und Hagen zusammenn, um einen gemeinschaftlichen Seelsorger zu bekommen. Ab dem 10. Mai 1874 wurde durch Pfarrer Paul Roman Alfred Weidinger (* 1810 † 1884), der regelmäßige Gottesdienst eingerichtet. Pfarrer Paul Roman Alfred Weidinger (* 1810 † 1884, Pfarrer in Witten vom 10.05.1874 - 30.09.1874), war der erste amtierende und lediglich für Witten bestimmte Geistliche. Am 01. Oktober 1874 verzog der Pfarrer nach Düsseldorf.

Nach dem Gesetz (1875) über die Rechte der Altkatholiken am kirchlichen Vermögen, mußte den Altkatholiken die Mitbenutzung der r.kath. Marienkirche eingeräumt werden.

Als Nachfolger von Pfarrer Paul Roman Alfred Weidinger (* 1810 † 1884) kam Pfarrer Wilhelm Thelen (* 1832 † 1912, Pfarrverweser in Witten vom 17.01.1875 - 30.08.1877), der am 03. Februar 1875 in sein Amt eingeführt wurde. 1876 siedelte er nach Hagen über und betreute von da aus Witten mit.

Stadtsekretair Hassel: Witten Ortskunde und Ortsgesetze, 1902 S.1008; Gerrit Haren: Geschichte der Stadt Witten, Witten 1924, S.414-415; Jahrbuch des Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark, Witten 1901.

Siegel der alt-katholischen Pfarrei Witten

Am 10. Juni 1877 hielt Bischof Dr. Joseph Hubert Reinkens (* 1835 † 1919) die erste Firmung in der Wittener Gemeinde ab.

Ab dem 1. September 1877 war Pfarrer Emil Bodenstein (* 1847 † 1922, Pfarrverweser für Witten vom 01.09.1877 - 02.06.1879) von Bochum aus für die Gemeinde Witten tätig.

Gerrit Haren: Geschichte der Stadt Witten, Witten 1924 S.415; Stadtsekretair Hassel: Witten Ortskunde und Ortsgesetze, 1902 S.1008;

Es folgte Pfarrer Dr. Anton Hochstein (* 1843 † 1902, Pfarrverweser für Witten vom 02.06.1879 - 31.10.1888) der von Dortmund aus die Wittener-Gemeinde betreute.

Homepage alt-katholisch.de - Gemeinde Münster (Pfarrer Anton Hochstein aus Dortmund).

Im Mai 1888 kam Bischof Dr. Joseph Hubert Reinkens (* 1835 † 1919) erneut nach Witten, um die Firmung zu spenden.

Ab November 1888 wurde von Pfarrer Georg Moog (*1863 †1934, Pfarrverweser für Witten vom 01.11.1888 - 30.04.1890, ab 1913 Bischof), die Gemeinde von Dortmund aus betreut.

Gerrit Haren: Geschichte der Stadt Witten, Witten 1924 S.415; Stadtsekretair Hassel: Witten Ortskunde und Ortsgesetze, 1902 S.1008; Matthias Ring: Selbstmord im Bischofshaus? Pfarrer Ernst Moog (1891-1930), in: CH (2007).

Pfarrer Gustav Hoffmann zog im April 1889 von Essen nach Witten, ab 1891 verlies er Witten und wurde Pfarrer in Bochum.

Ingo Reimer: Die bedeutendste Jugendstilkirche Deutschlands - Wiederherstellung der alt-katholischen Friedenskirche in Essen, in CH (2005).

Am 25. Oktober 1891 bekammen die Altkatholiken dafür, dass sie von ihrem Recht zurücktraten die Marienkirche mit zubenutzen, von der röm.-kath. Gemeinde eine Entschädigungssumme von 6000 Mark, dem der Staat noch 6000 Mark hinzufügte. Mit Zuhilfenahme dieses Geldes wurde beschlossen eine Kirche zu bauen.

Vom 16. November 1891 wirkte Pfarrer Franz Lefarth (*1839 †1919, Pfarrer in Witten vom 16.11.1891-12.05.1919) in der hiesigen Gemeinde Witten. Er war eine edle und milde Persönlichkeit und bei Alt und Jung beliebt.

Gerrit Haren: Geschichte der Stadt Witten, Witten 1924 S.415; Stadtsekretair Hassel: Witten Ortskunde und Ortsgesetze, 1902 S.1008; Archiv Alt-Katholisches Ordinariat.

Pfarrer Franz Lefarth kam aus Medelon bei Brilon in Westfalen. Er wurde 1864 in Paderborn zum Priester der r. kath. Kirche geweiht. Von 1864 - 1871 war er als Pfarrer in der r. kath. Gemeinde St. Peter und Paul in Herbede, jetzt Witten-Herbede tätig. Da er dem 1. Vaticanum die Anerkennung verweigerte, wurde er vom Dienst suspendiert. 1883 trat er zur alt-kath. Kirche über.

Anton Bieling: Chronik des Bischöflichen Priester-Seminars zu Paderborn, Paderborn 1877; Archiv Alt-Katholisches Ordiariat

Während der Bauzeit für die Christuskirche (ab November 1891 bis Oktober 1892) hielt die alt-katholische Gemeinde ihren Gottesdienst in der ev. Johanniskirche ab.

Fr. Wilhelm Aug. Pott: Geschichte der Stadt Witten, Witten 1924, S. 164

Nach den Plänen des Wittener Architekten Friedrich Däche († 1926) wurde an der Körnerstraße 19, nahe dem Humboldtsplatz eine kleine Kirche mit 125 Sitzplätzen und um den Preis von 22 000 Mark errichtet. Der Grundstein wurde am 22. April 1892 gelegt. Pfarrer Franz Lefarth (*1839 †1919) hatte dazu den Bürgermeister der Stadt Witten Gustav Haarmann (* 1848 † 1911) eingeladen, der aber verhindert war.

Bereits am 13.11.1892 wurde die Kirche durch den Bischof Dr. Joseph Hubert Reinkens (* 1821 † 1896) eingeweiht. Die Kirchliche Feier beginnt vormittags 10 Uhr mit der Weihe der Kirche. Daran schlieίt sich die deutsche Liturgie mit Predigt und Spendung der Firmung an. Zu der Einweihung der Christuskirche kam auch der General-Vikar Professor Dr. Theodor Weber (* 1836 † 1906, von 1896 bis 1906 Bischof) aus Bonn. Mittags um 1 Uhr findet im Hotel P. Voss, Ruhrstraße 48 das Festessen statt. Abends um 5 Uhr ist eine Festversammlung im Saale des Herrn P. Voss.

Stadtsekretair Hassel: Witten Ortskunde und Ortsgesetze, Witten1902, S. 1002; Gerrit Haren: Geschichte der Stadt Witten, Witten 1924 S.414-415; Gerrit Haren: Beitrδge zur Geschichte des Kirchenwesens der Stadt Witten, S. 204 (Jahrbuch/14,1899-1900); Brief von Pfarrer F. Lefarth vom 01.November 1892 an den Bürgermeister der Stadt Witten.

 

        

alt-kath. Christuskirche Aufnahme ca.1920, mitte und rechts Ausschnittvergrößerungen

Postkarte zum 40jährigem Bestehen der Kirche 1892-1932, postalisch gelaufen am 26.3.32

    

Ausschnittvergößerungen (4 Stück) von der Postkarte oben

    

Fotos oben: (2 Stück) Altkatholischer Kalender 1932, Seite 24/25

In dem Altkatholischen Kalender von 1932, ist zum 40jährigem Bestehen der Kirche zu lesen, dass die Kirche einen Länge von 18,50 m und eine Breite von 9 m hat. Die Kirche wurde in gotischen Formen ausgeführt, und unter Zuhilfenahme der Orgelbühne Raum für 170 Sitzplätze hat. Es ist ein heimeliges Kirchlein, das so recht zum Beten einläd.

Foto: Bildflug 1926-1938: © Regionalverband Ruhr, Essen

 

Pfarrer Franz Lefarth (*1839 †1919, Pfarrer in Witten vom 16.11.1891-12.05.1919) war von 1907-1911 Mitglied der Synodalrepräsentanz. Der Pfarrer feierte am 12. März 1914 sein 40 jähriges Priesterjubiläum. Aus diesem Anlass erhielt er den "Roten Adlerorden 4. Klasse" (Königliche Auszeichnung, der Adlerorden 4. Klasse wurde von König Friedrich Wilhelm III geschaffen).

Der Pfarrer war in seinen letzten Lebensjahren für das Amt körperlich zu schwach geworden und ließ sich von Pfarrer Max Ullmann (* 1873) aus Hagen sonntäglich vertreten. Pfarrer Franz Lefarth starb am 12. Mai 1919.

Gerrit Haren: Geschichte der Stadt Witten, Witten 1924 S.415; Stadtsekretair Hassel: Witten Ortskunde und Ortsgesetze, 1902 S.1008

Es folgte Pfarrer Ernst Moog (*1891 †1930, Sohn von Pfarrer Georg Moog, Pfarrverweser in Witten um 1918/1919).

Matthias Ring: Selbstmord im Bischofshaus? Pfarrer Ernst Moog (1891-1930), in: CH 51 (2007)

Ab April 1920 war Pfarrer Josef Kehren (* 1881 † 1950, Pfarrer in Witten von April 1920 - März 1931) in Witten. Am 21. Dezember 1930 wurde Pfarrer Josef Kehren zum Pfarrer in Krefeld gewählt, der Dienstantritt in Krefeld war im April 1931.

Matthias Ring: Art. Kehren, Josef, in: Onlinelexikon Alt-Katholizismus, www.olak.de

Es folgte danach Pfarrer Arthur Kaminski (* 1879 † 1953 Pfarrer in Witten von 1938 bis zum Ruhestand 01.12.1947, ab 1943 zusätzlich Vertretung des Pfarrers in Hagen während dessen Einziehung zur Wehrmacht), Pfarrer Arthur Kaminski war der letzte Pfarrer der Gemeinde, der in Witten wohnte. Die Anschrift des Pfarrers im Mai 1940 war Ruhrstraße 29.

Pfarrer Paul Franz Pfister: Alt-Katholisches Jahrbuch und Kalender 1957;Homepage alt-katholisch.de - Gemeinde Frankfurt, 1913 Pfarrer Arthur Kaminski, 1. Pfarrer in Frankfurt; Meldeschein für Bronzeglocken vom 06.05.1940; Matthias Ring: Katholisch und deutsch, Bonn 2008 S. 582.

Die Kirche wurde am 12. Dezember 1944 zerstört. Dazu schrieb Pfarrer Arthur Kaminski (* 1879 † 1953) am 17. Dezember 1944 an Bischof Erwin Kreuzer (* 1878 † 1953):

"Bei dem Fliegerangriff auf Witten am 12. Dezember ist unsere schmucke Christuskirche ein Opfer des feindlichen Terrors geworden; sie ist ganz ausgebrannt, doch haben die Flammen nur bis zum Altar ihr Zerstörungsmark ausgeübt. Auf dem Altar selbst und dahinter ist alles unversehrt, es konnten alle Paramente, kirchliche Gewänder, Kelche, Kruzifixe und anderes unbeschädigt geborgen und sicher verwahrt werden.

Da auch die evangelisch-Lutherische Kirche völlig zerstört ist und die beiden evangelischen Kirchen wie auch das evangelische Gemeindehaus stark beschädigt sind, besteht keine Möglichkeit am bevorstehenden Weihnachtsfest hier Gottesdienste zu halten.

Auch meine Wohnung ist ausgebrannt; wir haben in einem Büro des nebenstehenden Hauses notdürftig Obdach gefunden, so dass auch ein Hausgottesdienst nicht in Betracht kommt. Meine Adresse lautet vorläufig: Oststraße 2. Ich muß mich bemühen, so bald wie möglich einen geeigneten Raum für unseren Gottesdienst zu finden".

Brief vom 17. Dezember 1944 von Pfarrer A. Kaminski an Bischof Erwin Kreuzer

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Der Kirchenvorstand der alt-katholischen Kirchengemeinde Witten hat in seiner Sitzung vom 27. April 1947 beschlossen, die Wiederherstellung der Christuskirche die am 12. Dezember 1944 anläßlich eines Fliegerangriffs durch Feuer zerstört wurde, baldmöglichst so weit durchzuführen, dass die Kirche wieder für unseren Gottesdienst benützt werden kann. Da die Mauern der Kirche erhalten geblieben sind und der Altarraum im wesentlichen unbeschädigt blieb, kommen für die Wiederherstellung in der Hauptsache in Betracht:

Der Dachstuhl (aus Holz oder Eisen), ein Rabitzgewölbe, Fensterverglasung (die eisernen Fensterrahmen sind erhalten). Fußboden und Wandverputz. Nach Auskunft des Stadtbauamtes Witten können das Glas für die Fenster (Buntglas) sowie Eisen für den Dachstuhl (jedoch nicht Holz) bewilligt und geliefert werden. Ein Sachverständiges Mitglied unseres Kirchenvorstandes, Herr Linnes Kaldies, Vorsteher der Bahnmeisterei Witten, hat einen Kostenvoranschlag für die Herstellungsarbeiten im genannten Umfang aufgestellt, die als Gesamtkosten 12500,- RM vorsieht.

Unserer Gemeinde stehen für die Wiederherstellung bisher 3100,- RM zur Verfügung; davon sind vom deutschen alt-katholischen Hilfsverein 2500,- RM für die Wiederherstellung gespendet worden. An Euer bischöfl. Hochwürden gestattet sich der unterzeichnete Kirchenvorstand die ergebene Bitte unserer Gemeinde einen entsprechenden Betrag zur Wiederherstellung unserer Kirche zuweisen zu wollen.

Brief vom 15. Juli 1947 an Bischof Erwin Kreuzer vom Kirchenvorstand der alt-katholischen Kirchengemeinde Witten

Am 01. Dezember 1947 ging Pfarrer Arthur Kaminski (* 1879 † 1953) in den Ruhestand.

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Es gab zwar Bemühungen die Kirche wieder aufzubauen, doch die finanziellen Mittel fehlten. Der Antrag für den Wiederaufbau der Kirche wurde am 08.06.1948 bei der Stadt Witten gestellt, der Bauschein wurde am 06.09.1948 ausgestellt. Für die alt-katholische Kirchengemeinde Witten wurde der Bauschein von Pfarrer Viktor Hillebrand unterzeichnet.

Bauschein der Stadt Witten vom 06.09.1948

Pfarrer Viktor Hillebrand war von 1947/48 bis Weihnachten 1955 als Pfarrer fόr Hagen und Witten tδtig.

Wann die zerstörte Kirche genau abgetragen wurde, konnte ich nicht ermitteln. Wahrscheinlich wurde die Kirche zwischen 1950 und 1952 abgebrochen, denn am 30.07.1953 wurde die Baugenehmigung für ein Wohnhaus auf diesem Grundstück erteilt, welches bereits am 07.04.1954 fertiggestellt wurde.

Bauamt der Stadt Witten

Pfarrer Gustav Hüdig (* 1908 † 1998, ab 1954 Pfarrverweser in Hagen, ab Weihnachten 1955 Pfarrer in Hagen, ab Oktober 1971 Pfarrer in Bottrop), war auch für die Gemeinde Witten zuständig, bis zum Ruhestand am 01. Oktober 1980.

Pfarrer Paul Franz Pfister: Alt-Katholisches Jahrbuch und Kalender 1957; Matthias Ring: Katholisch und deutsch, Bonn 2008 S. 782.

Die ev.-luth. Kreuzgemeinde in Witten gab der alt-katholischen Gemeinde eine Bleibe, solange die Gemeinde noch keine eigene Kirche hat.

Am 19. Oktober 1958 kam Bischof Johannes Josef Demmel (* 1890 † 1971) nach Witten um seine Gemeinde zu besuchen.

WAZ, 21.10.1958

Nach dem Stand vom 01. August 1956 (siehe oben) war die alt-katholische-Kirchengemeinde Witten zu diesem Zeitpunkt noch selbständig, der Gottesdienst war monatlich Sonntags um 8 Uhr in der ev.-luth. Kreuzkiche.

Alt-Katholisches Jahrbuch und Kalender 1957 - Im Auftrag des Katholischen Bistums Bonn der Alt-Katholiken Deutschlands - Herausgegeben von Pfarrer Paul Franz Pfister, Frankfurt a. M., Verlag des Bistums Bonn

1961 fanden in den alt-katholischen Kirchengemeinden Hagen, Witten und Bochum insgesamt nur eine Taufe, eine Hochzeit und eine Beerdigung statt.

Alt-Katholisches Volksblatt 1961

Die alt-katholische Gemeinde in Witten war bis Ende 1980 als eigenständige Gemeinde vorhanden (Pfarrer Gustav Hüdig, auch zuständig für Witten, ging zum 01.Oktober 1980 in den Ruhestand).

Danach kamen die Gemeinden Hagen und Witten zu Dortmund, und die Gemeinde Bochum kam zu Bottrop.

Amtliches Kirchenblatt 1981

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: Mittwoch, 28.10.2015